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Privatleben – In einem schrumpfenden Land bewegt Ulrike Syha ihre stets fluchtbereiten Protagonisten zum Bleiben

Wie ein Pflanzentrieb im Asphalt

von Elena Philipp

ER und SIE, Lutz und Klara, künftig ein Paar. Wenig braucht es in Ulrike Syhas "Privatleben" für eine temporeiche Beziehungskomödie. Lutz und Klara begegnen sich im ICE, er fährt im Auftrag der Agrartechnologie-Firma seines Onkels zu einem Kundentermin, sie ist auf dem Weg zu ihrem Vater. Das Handy am Ohr, ihren verheirateten Liebhaber Rainer am anderen Ende, kippt Klara ihr Privatleben auf den Tisch im Großraumwagen. Lutz ist genervt.

Lutz Ackermann nennt sich selbst stolz einen Langeweiler, hält ein Privatleben und gesellschaftliche Teilnahme für überflüssig. Einsamkeit ist einfacher. Doch bei Syha kommt er damit nicht davon: Am gleichen Bahnhof angekommen und abends bereits angeödet von der Provinz, treffen ER und SIE sich im tristen China-Imbiss wieder und landen im Bett seines Hotelzimmers. Am nächsten Morgen findet Klara nur eine Visitenkarte vor – Lutz hat die Flucht ergriffen.

Humankapital mit Fluchtreflex

Das folgende Hin und Her grundiert Syha gesamtgesellschaftlich bedeutsam: "Ein Land, das schrumpft" und der BRD sehr ähnelt, ist der Schauplatz. Es geht mitnichten nur um Privates: Das assoziativ aufgerufene bundesministeriell propagierte Idealbild der Familie – Nachwuchs als dringend benötigtes Humankapital im Kampf gegen den demographischen Wandel – kontrastiert Syha mit beziehungsgestörten, orientierungslosen Protagonisten. Mit ihnen ist kein Staat zu machen, und so kann man Lutz' Rückverwandlung in einen vollwertigen, sprich reproduktionsfähigen, paargebundenen Bürger nur ironisch verstehen.

Deutschland, das "Land des gehobenen Mittelmaßes. Wo der Durchschnitt zum absoluten Ultimo erklärt wird", ist die Kulisse für die meisten von Syhas Stücken. Ein nichtssagendes Land zwischen zersiedelter Provinz und gesichtsloser Metropole, die zu einem dystopischen, futuristisch-amorphen Gebilde wuchern kann wie in "Nomaden", das 2003 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen war. Ein Land, das Fluchtreflexe auslöst.

Das Erwachen des Alphatiers

Syhas Figuren sind Überforderte in einer chaotischen Umwelt. Gern flüchten sie sich in fixe Ideen: Von Verschwörungsszenarien fühlen sich die paranoiden Protagonisten magisch angezogen. Beziehungslosigkeit wirkt für sie wie eine Entlastung. Ruben in Syhas erstem Theatertext "Kunstrasen" (2001) ist ein typisches Exemplar: "Wenn Ruben alleine ist, sieht die Welt vollkommen anders aus, weil Ruben die Welt dann im Griff hat. Meistens."

Auch in "Privatleben" stört die komplexe Umwelt das mühsam gegen Außenreize abgeschottete emotionale Befinden. Doch fehlen dieses Mal die gewaltsamen Gegenreaktionen: Niemand droht mit einem Amoklauf wie in "Autofahren in Deutschland" (2002), keine mausgraue Frau zieht überraschend eine Pistole aus der Handtasche wie in "Kunstrasen" und manchem Folgestück. Das (Privat)Leben bricht sich vielmehr Bahn wie ein Pflanzentrieb, der den Asphalt sprengt.

Lutz übernimmt den Betrieb seines Onkels und entwickelt als Chef Instinkte eines Alphatieres (ist seine Namensverwandtschaft mit dem staatstragenden Deutsche Bank-Chef Zufall?): Während er mit Klara anbandelt, hat er schnellen Sex mit Buchhalterin Silke. Das gibt Syha Gelegenheit, in einem rasanten Finale noch einmal alle Register der Komödie zu ziehen. Klara sagt sich von Rainer los, wendet sich Lutz zu – und stolpert über Silke. Auch Silke, so erfährt sie, wurde nach dem Intermezzo von Lutz fluchtartig verlassen. Klara kapiert und verzieht sich wütend zu ihrem Vater. Doch dieses Mal setzt Lutz ihr nach, ganz romantisch-verzweifelter Liebhaber.

Punktgenaue Situationskomik

Damit bereichert eine neue Bewegung das Repertoire von Syhas Figuren: die Flucht nach vorne. Dies deutete sich schon im Vorgängertext "China Shipping" (2007) an, in dem Helene, eine von Syhas 'drei Schwestern', aus der familiären Lethargie ausbricht und einen gut dotierten Job in China annimmt. Syhas Figuren scheinen das zu werden, was man landläufig erwachsen nennt.

Das möchte man auch über Syhas Texte sagen. Ihre Situationskomik ist mittlerweile punktgenau inszeniert, hintergründiges Sprechen funktioniert ohne überdeutliche Marker, wenn auch nicht ganz klischeefrei. Die Technik, Szenenanweisungen in den laut geäußerten Gedankenstrom ihrer Figuren zu verlegen, ist noch einmal verfeinert, sie erzeugt im Text selbst eine Doppelbödigkeit und macht die Übergänge zwischen den Szenen fließend, mühelos. In der zweiten Szene von "Privatleben" gleitet der Text von Lutz' Frontalmonolog ("Wir haben die Welt von unseren Kindern nur geliehen") und dem paartherapeutischen Dialog über das Kennenlernen im Zug, der gleichzeitig den Schluss des Stückes vorweg nimmt, direkt in die Spielszene im ICE.

Das dramatische Handwerk hat sich Syha, 1976 in Wiesbaden geboren, in der Theaterpraxis angeeignet: Nach dem Dramaturgiestudium an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn-Bartholdy" Leipzig war sie von 1999 bis 2002 Regieassistentin am Schauspiel Leipzig unter der Intendanz von Wolfgang Engel. 2002 wurde sie für "Autofahren in Deutschland" mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker ausgezeichnet, 2009 ist sie nun zum zweiten Mal zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Ein guter Lauf.

Wenn die Damokles-Hacke niedersaust

Auch in "Privatleben" scheint alles auf ein Happy End zuzulaufen. Doch das 'glückliche Ende' wird von Syha hochironisch inszeniert. In einem turbulenten Slapstick-Finale schlägt der zukünftige Schwiegervater dem vermeintlichen Einbrecher Lutz den Stiel seiner Spitzhacke über den Kopf. Und Lutz Ackermann ahnt, dass sich das Rad der Fortuna bald wieder knirschend abwärts bewegen wird: "Ich liege da, in absoluter Dunkelheit, und warte geduldig – so geduldig, wie ich eben kann –, dass es ein paar heftige Ohrfeigen setzt. Damit ich endlich aufwache und die Dinge, erbarmungslos, ohne Gnade, ihren natürlichen Gang gehen können."

Das kleine private Glück bleibt eine Fiktion – so die abgeklärte, resignierte Botschaft von „Privatleben“. Unsicherheit bestimmt die menschliche Existenz, Vollkaskoschutz gibt es auch in Deutschland nur für Autos. "Zyklische Verhaltensmuster" ist die erste Szene von "Privatleben" betitelt, in der Lutz verkündet: "Stabilität kann immer nur eine temporäre Erscheinung sein. Denn jedes System strebt zwangsläufig seinen eigenen Zusammenbruch an." Städte, die deutsche Wirtschaft, Beziehungen – einerlei. Die Damokles-Hacke hängt den Figuren über den Häuptern. Wie sich das für eine Komödie gehört, öffnet sich, Vorhang zu, der Abgrund. Der Rest ist "ein Land in Schweigen".

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Kommentare (2)

19. Mai 2009, 10:05
Thomas: Theatertetrapak
Obwohl - wurde von Juroren beruhigend? trotzig? betont - "nur" 7 Stücke dies Jahr eingeladen wurden (anstelle von regulären 8, sei dies trotzdem - beruhigend? trotzig? - ein starker Jahrgang. Das heißt: die in Mülheim vorgestellte repräsentativ gute Gegenwartsdramatik habe maßgebliche vulgo starke Stücke hervorgebracht. Liebe Winzer, mir scheint der bisherige "Jahrgang" aber eher ein Kandidat für den Tetrapak zu sein (und putzigerweise passt dessen Papp-Slogan "irgendwie clever" an der Stelle). Die Inszenierungen außen vor gelassen - den Pollesch fand ausgesprochen schwach, ein Stück, in dem die eigenen Prinzipien mit Versatzstücken zu operieren, selbst zum Versatzstück geworden sind - den Hübner sah ich nicht - und Frau Syha schrieb eine deutsche Beziehungskomödie, wie sie in den 90ger Jahren sowohl Kino wie auch Paperback beseelte, mit an harmlosen Kompliziertheiten leidenden Menschen: die tief im Inneren wissen, dass ihre laufenden Beziehungen nicht ihren Sehnsüchten entsprechen, was ihnen klar wird, nachdem sie ein mitteldeutschen Mini-Abenteuer durchlebt hatten, in denen sie von unerwarteten Menschen unerwartete Reaktionen erfahren (ja, das ist das Abenteuer), und zum Schluß sind die Protagonisten nach einer nächtlichen Liebesgeständnisszene auch vereint. Das Personal ist so ein Klischee, dass es selbst wieder ein Klischee ist: der beziehunsgunfähige Mann, die beziehungsunfähige Frau, er weiß nicht, was sie will, sie weiß nicht, was ihr schrulliger Vater will, er Neffe eines Firmenchefs (Prinz), sie Kunsthistorikerin (Prinzessin), der beste Freund ist Spanier, undeutsch-lebenslustig (Sancho Pansa), ihr Vater ist unverkopft-direkt, das radikale Gegenteil des Liebhabers, eines egomanen Kunsthistorikers (in Scheidung lebend), großes Finale, wechselseitiges Trennen und beinahe Zusammenkommen, dann menschliche Dummheit, Wiederaufraffen und Vereinigung. So verlogen kann Theater sein, wenn es sauber gehäkelt, gestrickt und mit verdünnter Selbstironie gesäumt daherkommt. Die dauernde Ich-Form der Hauptfiguren (die Kamera folgt dem jeweiligen Protagonisten...), szenisch gebrochen, uralter Hut, und keine Neuerung. Also warum soll Frau Syha die deutsche Gegenwartsdramatik im starken Jahrgang zieren. Waren das bisher die Zählkandidaten und kommt das Trinkbare erst noch? Das ist doch an Peinlichkeit nicht zu überbieten.
20. Mai 2009, 19:05
Frauke: ...
Es war vor allem ne coole Inszenierung, muss ich mal sagen! Hätte ich gar nicht so gedacht, die Handlung, die man im Vorfeld lesen konnte, sah ja eher nach billiger Vorabendserie aus, aber mich hat das echt berührt!

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