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Der shorty 7 – zu Oliver Bukowskis "Kritische Masse"

Die billige Masche

von Esther Boldt

3. Juni 2009. Vor dem Witz sind alle gleich. Über eine lange Strecke sieht Sebastian Nüblings Inszenierung der "Kritischen Masse" aus wie eine Freakshow, die dem gemeinen Theatergänger das sogenannte Prekariat vorführt: Menschen, die ausgewaschene Jeansröcke mit Strass-Applikationen tragen und enge Schlauchkleider mit schrillen Mustern, Kette rauchen und aus Milchtüten trinken. Lauter Typen wie billige Maschen.

Doch dann wird die distanzierte Draufschau auf dieses Tableau der Sozialverlierer mit ihrem schlechten Musikgeschmack und ihrem lautstarken Unterhaltungswillen langsam, aber sicher vom Lachen untergraben. Es beginnt mit dem Kneipier Majo-Hajo, der seine Alex tüchtig Schnaps ausschenken lässt und zum kollektiven Saufgelage Trinksprüche beisteuert, die sich gewaschen haben. Da schmunzeln sich einige Zuschauer schon mal ein bisschen warm.

Aber erst eine minutenlange Witzkanonade, die der verhinderte Schriftsteller Stucker ablässt, bringt die Hierarchie des Draufblicks ins Wanken. Ebenso wenig wie die Trinksprüche steht die Witzsalve in Oliver Bukowskis Text, sie sind ein kluger Kniff des Regisseurs. Spätestens beim fünften, sechsten Witz schwappt das Lachen ebenso lässig über soziale und kulturelle Grenzen hinweg wie über die Rampe in den Zuschauerraum, in dem sich fröhliche Bierzeltstimmung breit macht.

Und der Saal amüsiert sich köstlich mit den Bühnen-Prolls und lauert auf die nächste Pointe, es bilden sich Komplizenschaften zwischen den gackernden Schauspielern und den laut herausprustenden Zuschauern, und plötzlich kann von Sozialvoyeurismus keine Rede mehr sein: Mitgelacht, mitgehangen, mitgefangen.

Hier lesen Sie die Nachtkritik und Kritikenumschau zur Uraufführung in Hamburg. Den Text von Oliver Bukowski haben wir in unserer Stückkritik näher unter die Lupe genommen. Und hier berichten wir vom Publikumsgespräch.