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Der Shorty 6 – zu Sibylle Bergs "Die goldenen letzten Jahre"

Ich hatte viel Bekümmernis

von Christian Rakow

2. Juni 2009. "Besser reich und gesund als arm und krank", pflegt mein Vater zu sagen. Und ungefähr so geht auch der Scherz, den sich Sibylle Berg mit ihrer Außenseiterfarce "Die goldenen letzten Jahre" erlaubt. Man ist "arm dran", wenn man fett ist und beim Reden spuckt (Uwe: Anke Zillich), oder ein autistischer Bettnässer (Paul: Günter Alt), oder eine Stützprotestenträgerin mit Kinderlähmung (Bea: Susanne Bredehöft). Auch depressiv und unscheinbar ist nicht gut (Rita: Stefan Preiss). Da wird man schnell beschimpft, erniedrigt oder auch mal in eine Kiste unter die Erde gesperrt. Und zwar, na klar, von denen, die reich und gesund sind.

Später aber wird gewissermaßen die Sanduhr umgedreht. Dann stürzen die Schönen und Reichen, werden impotent, verlieren ihre Arbeit oder führen eine freudlose Ehe mit einem schwulen Yuppie. Wer zuletzt lacht, lacht am besten: Plötzlich sind die Loser reich und genießen unbeschwert ihre "goldenen letzten Jahre". Wenn in dieser auf den plattesten Gemeinplätzen tanzenden Farce der Berg ein tieferer Witz steckt, dann hat ihn die Inszenierung von Schirin Khodadadian nicht geborgen.

Sorgsam, aber zaghaft zieht sie die dünnen Linien dieser Petitesse nach. Auf Sofas, mit Tierfellen davor und einem Urwaldpanorama im Rücken, drapiert sie ihre Anti-Helden, auf dass gleich einmal die darwinistische Sichtweise des Ganzen rüberkomme (Sieh zu, dass Du ein Alpha-Tier wirst!). Ein beflissener Lehrer (Ulrich Hass) führt durch den Abend. Die Loser, allesamt schön unmodisch mausgrau gekleidet (wie Plus-Markt-Kundschaft mit Trainingsjacke und Hosenträgern), erklären sich unentwegt selbst und spielen Schnipsel von Szenen an.

Sie sprechen mit Bekümmernis von ihren Schicksalsschlägen; sie werden gallig, wenn es gilt, die "boshaften" Widersacher zu skizzieren. Sie singen gemütvoll ihre nach Art Kurt Weills arrangierten Bänkellieder (Musik: Michael Barfuß) und lachen sich in Stimmung, wenn Erfolgsbotschaften gegen den Massengeschmack verteilt werden. Doch mehr als unverdächtige Heiterkeit will nicht aufkommen. Wenn überhaupt.

Hier lesen Sie die Nachtkritik und Kritikenumschau zur Uraufführung in Bonn. Den Text von Sibylle Berg haben wir in unserer Stückkritik näher unter die Lupe genommen. Und hier berichten wir vom Publikumsgespräch.