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Hier und Jetzt – Mit postmoderner Leichtigkeit tischt Roland Schimmelpfennig an einer Hochzeitstafel die literarischen Traditionen auf

Wein und Vanitas

von Christian Rakow

"Weinflaschen sind immer in Reichweite", lautet eine der ersten Regieanweisungen in Roland Schimmelpfennigs "Hier und Jetzt". Und das ist üblicherweise ein Fingerzeig. Wer Wein oder, nach Belieben, Whiskey ansagt, der sucht ein Schauspiel mit offenem Visier, der will die Nähe zum Eskalationstheater: Contenance wird ersäuft, Hüllen fallen, Empfindungen liegen blank – so geht der Dreischritt der grenzgängerischen Theaterseelenkunde. Schimmelpfennig hat ihn selbst bereits in "Ambrosia" (2005) erprobt. Salonfähig fürs Theatertreffen wurde er zuletzt mit Jürgen Goschs "Wer hat Angst vor Virginia Woolf".

Natürlich Gosch. Der Regisseur, der Schimmelpfennig seit Jahren regelmäßig uraufführt, steht auch für die theatrale Grundanordnung in "Hier und Jetzt" Pate: Wir sehen eine Hochzeitsgesellschaft zu später Stunde, trunken lakonisch, kaum der Zwiesprache fähig, nach oder vor den Exzessen. Niemand geht ab; nur die Gedanken streifen ins Weite. Diese Ausgangssituation ist so archetypisch Gosch, so vielfach glänzend erprobt mit Edward Albee oder in den großen, paradigmatischen Tschechow-Abenden. Da nimmt es nicht Wunder, dass "Hier und Jetzt", in der Uraufführung von Jürgen Gosch, dem Autor Schimmelpfennig jüngst die erste Theatertreffen-Einladung einbrachte. Die Symbiose von Text und Regie, angeregt durch einen Auftrag vom Schauspielhaus Zürich, zahlt sich aus.

Absprung in romantische Tiefen

Dabei ist "Hier und Jetzt" auch wegen der passgenauen Bühnensprache ein echter Schimmelpfennig, einer der besten seit Langem. Lyrisch, umweht von einer Aura aus Verlust und Sehnsucht steht das Stück in der Nähe seiner stilbildenden Erfolgswerke "Vor langer Zeit im Mai" oder "Die Frau von früher" (eingeladen nach Mülheim 2000 bzw. 2005). Das Szenario wirkt wie so oft zunächst alltäglich, um sich dann zunehmend ins Irreale aufzulösen. Da ist also die besagte Hochzeitsgesellschaft, die sich um die Brautleute Georg und Katja (Mitte 40) schart. Und alles beginnt wie mit einem bösen Scherz, den man bei solchen Festanlässen eigentlich immer heimlich in petto hat: Jemand erhebt sich, klingelt zum Toast und tischt dann auf, wie es tatsächlich längst bei dem Ehepaar kriselt: Lang wird’s nicht halten!

Mit einer solchen Fantasie gehen die Hochzeitsgäste bei Schimmelpfennig ihre Beiträge an: Katja, heißt es, wird "jemanden kennenlernen, / einen anderen Mann. / Martin." Martin, der Nebenbuhler, ist selbst auf der Feier, weshalb es später zu Handgreiflichkeiten zwischen ihm und dem vor Eifersucht glühenden Georg kommt (Stichwort: Eskalation).

Tatsächlich aber geht es um mehr als handfesten Alltagsrealismus. Denn der Seitensprung, ein klassisches Motiv bei Schimmelpfennig (man denke etwa an "Vorher/Nachher", eingeladen nach Mülheim 2003), dient zum Absprung in romantische Tiefen: Der verlassene Georg, erfahren wir, versucht durch Lieder seine Ehefrau zurück zu gewinnen – vergeblich. Bald trifft er im Zweikampf seinen Widersacher, "aber // Georg kann ihn nicht töten, / er kann ihn nicht töten, / weshalb er / den Verstand verliert // und von da an / in den Wiesen und Wäldern / draußen vor der Stadt // umher irrt, mit einem alten Horn / aus goldenem Metall / und mit nackten Füßen". Die Ritter-Romanze, die sich hier andeutungsweise herausschält, findet Resonanz in Katjas Fall. Nach dem Abschied vom Geliebten verlässt sie "die Stadt / und sucht verwirrt, irre, Zuflucht / auf der kargen Spitze eines Berges, / wo sie sich von nichts ernährt als / von Steinen und Gras".

Dreieck beim Hochzeitsdinner

In rhythmischen Wechseln wird diese Dreiecksgeschichte durch die verschiedenen Stimmen bei Tisch vorgetragen, untermalt von Liedern, und immer wieder unterbrochen von Abschweifungen und Table-Tratsch. Lyrische Naturimpressionen breiten sich aus und verdichten sich zu Tieranalogien auf das geschilderte Liebeselend (wohl dem Menschen, der seine Nächsten kraftvoll wie eine Ameise tragen könnte!). Gelegentlich spielen die Sprecher einzelne Motive wie den Schwertkampf der Rivalen oder das Blasen des goldenen Horns bei Tisch nach.

Mit dieser allgegenwärtigen Romantisierung haben wir den engeren Kreis einer Dinnergesellschaft à la Tschechow längst verlassen. Ob das angedeutete Liebesdrama dem Hochzeitstag nachfolgen wird oder voran ging oder als gänzlich fiktiv aufgefasst werden will, bleibt offen. Die Erzähltempora wechseln sanft; Zeit dehnt sich zum Raum. Während die Jahreszeiten kommen und gehen, bleibt der Hochzeitstisch, das "Hier und Jetzt", sich ewig gleich, in ewiger Erwartung des nächsten Verses. Denn: "Man muß sprechen."

"Dafür sind Geschichten doch da – daß man sie wieder und wieder erzählt und daß man sie wieder und wieder hört", sagt Ilse, eine der älteren Anwesenden. Wo aber die zugrunde liegende Geschichte wie hier zu geläufig ist, da hilft, neben der symbolischen Überhöhung, nur Fragmentierung weiter. In einer wiederkehrend angerissenen und letztlich offenen Anekdote konterkariert ein älterer Herr Lothar (Ilses Mann) das Ehedrama: An einem dänischen Strand habe er einmal vier junge Frauen gesehen: "Vier vorzügliche, herzzerreißende Ärsche". Auch durch dieses Weichzeichneridyll grüßt der Seitensprung. Begehren, so versteht sich, ist universal und jederzeit vital.

"Über ihr nichts als Himmel"

Wenn Schimmelpfennigs "Hier und Jetzt", dieses andeutungsvoll schillernde Lied von ungestillter Sehnsucht, in einem Punkt nicht überzeugt, dann in einer irreführenden poetologischen Selbstverortung. Gegen Ende, wenn das Fabulieren zusehends auseinander drängt, wird von einer Zeichnung berichtet, die ein Junge auf einem Frauenplakat hinterließ: "Ein Viereck, durch zwei Parallelen mehrfach durchschnitten." Die Auflösung dieses allegorischen Bildes folgt sogleich: "Es ging um die Flächenverhältnisse, die Teilungen und die Unterteilungen, – das – diese Skizze, diese Skizze, oder das Viereck auf der Frau, war nichts anderes als die Erklärung der Schönheit, die Erklärung der Frau an sich, so etwas wie der Goldene Schnitt, aber weltumfassender." Diese strenge Allegorie der Schönheit spannt einen Bogen zwischen Renaissance und der abstrakten Kunst eines Kandinsky. Aber von einer solchen Kunst ist man bei Schimmelpfennig weit entfernt. Die lyrische Verspieltheit seines Textes, der fast schon eklektizistische Wagemut im Umgang mit romantischer Symbolik – sie zielen nicht auf klärende Intellektualität.

Viel eher trifft auf diese Dichtkunst zu, was dann folgt: Die Hochzeitsgäste werfen sich einen Totenschädel zu, ein memento mori. Wir sind über die Romantik hinaus im barocken Formenspiel angelangt. Mit postmoderner Leichtigkeit zieht Schimmelpfennig die literarischen Register und gibt sich doch hoffnungsloser, als es die anzitierte Tradition je konnte. Die irre Katja, auf den Berg geklettert, sehe "über ihr nichts / über ihr nichts als Himmel". Vanitas, aber keine Erlösung. So bitter ist es. In den Schlussworten des Dramas: "Danke. Gehen wir. Lichter aus. Ende."

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Kommentare (2)

24. Mai 2009, 23:05
Michael: Leider
Habe das Stück gesehen und fühlte mich leider extrem angewidert von diesem Stück. Der Plot (gehe nicht fremd) ist doch eigentlich relativ schnell erzählt und man fragt sich wirklich irgendwann: ist das nicht alles nur mythisch-onanistisches Geraune?
25. Mai 2009, 09:05
Regieassistent: ...
Schimmelpfennig (Nomen est Omem) ist einer der führenden Dünnbrettbohrer der Republik. Nur Gosch zaubert mit diesen Vorlagen, weil er sozusagen die Tragik des Dünnbrettbohrertums kosmisch erweitert in eine Parabel von der Unzulänglichkeit des Menschlichen schlechthin. Da fangen sogar die reaktionären Schimmelpfennig-Klischees zu blühen an. Wieso hat er hier eigentlich keine Fragen beantwortet? Hat er am Ende wirklich keine Antworten? Täte zu ihm passen.

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