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Publikumsgespräch zu Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)"

Bloß keine Betroffenheit

von Regine Müller

22. Mai 2009. Über Abwesende soll man ja eigentlich nicht reden. Und schon gar nicht öffentlich. Zum dreizehnten Mal ist Elfriede Jelinek nun für Mülheim nominiert – das ist Rekord! –, aber schon lange kommt die scheue Nobelpreisträgerin nicht mehr zu den Publikumsgesprächen. Und doch ist die Abwesende heute auf dem Podium auf geradezu unheimliche und paradoxe Weise präsent: Als Leerstelle, als allzu bekannte große Unbekannte und als konsequent sich Entziehende. Vor allem aber als Text.

Denn das Gespräch kreist unaufhörlich um ihren Text-Monolithen, um seine Zumutungen und Ungeheuerlichkeiten, und um die Schwierigkeiten, aus einem Prosa-Steinbruch ein spielbares Theaterstück herauszuhauen. Auf dem Podium sitzen Regisseur Jossi Wieler, seine Dramaturgin Julia Lochte und die fünf "Boten" (Katja Bürkle, Hildegard Schmahl, André Jung, Hans Kremer und Steven Scharf). Das Auftragswerk sollte eigentlich eine Überschreibung von Buñuels "Würgeengel" werden, doch Jelinek, so Wieler, habe es danach gedrängt, das Massaker von Rechnitz zu be- und verarbeiten.

Auskämmen der Kalauer

Der gemeinsamen Erstellung der Textfassung seien nicht weniger als zwei Drittel des Manuskripts zum Opfer gefallen, auch habe man einige Österreich-Bezüge gestrichen und die Überfülle der Kalauer "ausgekämmt", berichtet die Dramaturgin Julia Lochte und schildert die hilflose Aggression und Verlorenheit, die der Text beim einsamen Lesen ausgelöst habe. Der einzige Ausweg sei das gemeinsame laute Lesen gewesen, dabei entstand auch die Spielfassung.

Moderator Gerhard Jörder möchte wissen, warum Jelineks Ende, das in einem kannibalistischen Finale in Anlehnung an den Fall von Rotenburg gipfelt, entschärft worden ist. Für Wieler ist dieser Dialog ohnehin schon wie ein Nachspiel geschrieben, er sei dem Team in seiner nochmals auftrumpfenden Drastik tautologisch erschienen. Man habe die "Menschenfresserei" auf anderen Eben versinnlichen wollen.

Auch den besonderen Reiz dieses schwierigen Textes erklärt Jelinek-Spezialist Wieler: "Er thematisiert etwas, was sonst nie thematisiert wird, nämlich das Reden über den Holocaust und nicht die sachliche Dokumentation. Und dann natürlich die Eigendynamik, die die Sprache hier kriegt, wodurch sich immer wieder die Frage stellt: Was ist Wahrheit, was Fiktion? Es ist ein Stück über das geschichtliche Unterbewusstsein, über das Vergessen."

Sätze, die wir alle kennen

André Jung, der schon in vielen Jelinek-Inszenierungen Wielers auf der Bühne stand, spricht davon, dass er hier keine Rolle finden musste, zwar im Hinterkopf reale Figuren gehabt habe, aber hier sei "der Text die Figur". Und Hildegard Schmahl berichtet vom langwierigen Aneignungsprozess: "Wenn man nach dem Auswendiglernen die Texte endlich im Körper hat und dann nachhört, was man spricht, begreift man, dass das Sätze sind, die wir alle kennen. Die ganz erschreckend einfach sind. Und vorher hat man den Text nicht verstanden! Das ist das große Geheimnis von Jelineks Sprache."

Auch Katja Bürkle schildert die Schwierigkeiten mit dem Text, die harte Dechiffrierarbeit und wie sie ihn im Arbeitsprozess immer mehr "mit einer seltsamen Lust an diesen Ungeheuerlichkeiten" gespielt hätten. Man müsse sich den Text "vom Leib halten – bloß keine Betroffenheit!". Das ständige Essen auf der Bühne sei durch das Rätseln über die "Boten"-Figuren entstanden. Was gibt es für Boten? "Pizzaboten" zum Beispiel.

Die nur langsam in Gang kommende Zuschauerrunde ist sich einig in der Begeisterung und bestätigt die erschreckende Aktualität des Textes. Eine aufs Persönliche abzielende Frage nach dem Maschinengewehrtempo der Jelinek'schen Textproduktion kontert Wieler bündig: "Sie ist durch und durch Text!" Und der Text ist da in Mülheim.

Mehr zu Elfriede Jelinek. Lesen Sie auch unseren shorty zum Mülheim-Gastspiel.