Publikumsgespräch zu Oliver Bukowskis "Kritische Masse"
Probleme der Darstellung
von Natalie Bloch
3. Juni 2009. Ist hier eigentlich etwas schief gelaufen? Oder eher glücklich gelaufen? Zumindest ist etwas mächtig auseinander gelaufen. Es gibt nämlich ein Stück, das nur wenig mit dem zu tun hat, was man auf der Bühne sieht: Ein Drittel des Textes fehlt, dafür gibt es Kneipenwitze und Trinksprüche in Hülle und Fülle, Geschlechter- und Verwandtschaftsverhältnisse sind massiv verändert (aus der Mutter wird ein Bruder, aus dem Ehemann ein Sohn), und jede Einzelszene wird von einer gewaltigen Gruppensituation überflutet.
Publikumsgespräch zu Sibylle Bergs "Die goldenen letzten Jahre"
Pokerface mit Herz
von Esther Boldt
2. Juni 2009. Koketterie ist eine Strategie. Eine Strategie des Entzugs und der Verweigerung, in der Sibylle Berg zweifelsfrei Übung hat. Gegen konkrete Fragen setzt sie vage Pointen und trägt dazu ein freundlich-zugewandtes Pokerface unter dem auftoupierten roten Haar. An diesem Abend in Mülheim hat sie die Bonner Uraufführung ihrer "Goldenen letzten Jahre" zum ersten Mal gesehen. Wie sie denn die Inszenierung finde?, fragt Moderator Gerhard Jörder. – "Das war schön." Ob sie anders sei, als sie es sich vorgestellt habe? – "Ich hab nix im Kopf. Also keine Vorstellung der Inszenierung." Und dann lehnt Frau Berg sich zurück und sieht gut aus.
Publikumsgespräch zu Roland Schimmelpfennigs "Hier und Jetzt"
Die Komik des Einfachen
von Natalie Bloch
25. Mai 2009. Komisch war der Abend wirklich. Zum Brüllen komisch. Ein Herr aus dem Publikum fühlt sich an Marthaler erinnert, ein anderer denkt gar an Tarantino, bemerkt jedoch, dass er beim Lesen eher das Elegische des Textes gesehen habe, weniger die Running Gags und die schräg gesungenen Lieder. Tja – wem haben wir die Komik, aber auch den Tiefgang eigentlich zu verdanken, dem Text Schimmelpfennigs oder der Inszenierung Goschs? Ist der Text vielleicht sogar dünn und beliebig und durch eine gute Regie aufgewertet worden, wie ein (mit seiner Meinung anscheinend recht allein stehender) Zuschauer vermutet?
Publikumsgespräch zu Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)"
Bloß keine Betroffenheit
von Regine Müller
22. Mai 2009. Über Abwesende soll man ja eigentlich nicht reden. Und schon gar nicht öffentlich. Zum dreizehnten Mal ist Elfriede Jelinek nun für Mülheim nominiert – das ist Rekord! –, aber schon lange kommt die scheue Nobelpreisträgerin nicht mehr zu den Publikumsgesprächen. Und doch ist die Abwesende heute auf dem Podium auf geradezu unheimliche und paradoxe Weise präsent: Als Leerstelle, als allzu bekannte große Unbekannte und als konsequent sich Entziehende. Vor allem aber als Text.
Publikumsgespräch zu Ulrike Syhas "Privatleben"
Von der Apokalypse zur Wellness-Komödie
von Dorothea Marcus
19. Mai 2009. "Wie fühlen Sie sich?", eröffnet Moderator Gerhard Jörder sein Publikumsgespräch. Eine Frage wie beim Sportfernsehen, aber an Ulrike Syha wird sie nicht von ungefähr gestellt. 2003, als die heute 33-jährige Autorin schon einmal zu den Theatertagen eingeladen war, erging es ihr eher schlecht. Ihr damaliges Stück "Nomaden", uraufgeführt vom Landestheater Tübingen, fiel in Mülheim brutal durch. Die anschließende Publikumsdiskussion hat die Autorin "postdramatisch ausgeblendet" aus ihrem Lebensweg, sonst "hätte ich aufgehört zu schreiben".
Publikumsgespräch zu Lutz Hübners "Geisterfahrer"
Subtext-Suche in Gebrauchsanweisung
von Sarah Heppekausen
17. Mai 2009. Es ist nicht die erste Frage, die Gerhard Jörder dem Autor von "Geisterfahrer" stellt, aber lange hat er sie nicht zurückgehalten: "Wie viele Stücke haben Sie schon geschrieben?" Lutz Hübner, der Hochproduktive, einer der meistgespielten Dramatiker in Deutschland, Ranglistenplatz drei gleich nach Shakespeare und Goethe. Diese Frage hat er wahrscheinlich noch häufiger beantwortet als er Stücke geschrieben hat. Und das sind sage und schreibe 32.
Publikumsgespräch zu René Polleschs "Fantasma"
Botenberichte aus der In-Group
von Christian Rakow
16. Mai 2009. Wir stecken in einer Fortsetzungsserie, aber in diesem Teil fehlt der Hauptdarsteller. René Pollesch, zum fünften Mal Gast der Mülheimer Theatertage und üblicherweise ein lebhafter Diskutant in den hiesigen Publikumsgesprächen, ist heute Abend in Stuttgart auf der Generalprobe für seine Harald-Schmidt-ist-auch-dabei-Novität „Wenn die Schauspieler mal einen freien Abend wollen“.
Gerhard Jörder – Ein Porträt des Theaterjournalisten, der zum sechsten Mal die Publikumsgespräche moderiert
Die Lufthoheit
von Petra Kohse
I.
Den Theaterkritiker Gerhard Jörder kann man für einen glücklichen Menschen halten. Freundlich steht er bei Premieren im Foyer und blickt mit ehrlicher Neugier über die tief sitzende Lesebrille hinweg in die Menge. Die meisten seiner Kollegen gucken in dieser Situation geschäftig ins Leere, weil sie sich nie sicher sind, wen sie grüßen sollen und von wem sie gegrüßt werden wollen.











