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Presserundschau zur Jurydebatte und Preisvergab
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liebe sabine. du bist doch gar keine sabine. du bist doch
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Das sind doch bedenkenswerte Argumente von Claus Peymann,
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mäandern in Jelineks preigekröntem Stück "Rechnitz". Wie a

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Feierstunde zur Preisverleihung an Elfriede Jelinek und René Pollesch am 14. Juni 2009

Schiller und der Strudelteig

von Anne Peter

16. Juni 2009. "Das Theater ist die Müllabfuhr für die Seele." Mit den Worten des Theatermanns Hansgünther Heyme beschwört die Oberbürgermeisterin der "Theaterstadt Mülheim", Dagmar Mühlenfeld, die Dringlichkeit der Kunst in "Zeiten der Krise". Auch der Verweis auf die bleibende Gültigkeit von Schillers klassischen Texte zur "Schaubühne als moralische Anstalt" und zur "ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts" darf bei der Feierstunde für die Dramatikerpreisträgerin Elfriede Jelinek und Publikumspreisträger René Pollesch nicht fehlen. Kultur, Theater, "wir brauchen das alles, damit unsere Seelen gesund bleiben."

Wenig später zieht Pollesch mit seiner Schauspieler-Truppe, die derzeit beim Ringlokschuppen an "Cinecittà aperta", dem zweiten Teil der "Ruhrtrilogie", probt, mit einem kurzen, gewohnt diskursstarken Auszug aus dem Entstehenden ausgerechnet gegen die Vorherrschaft der Seelenbekümmerung zu Felde: "Das ist die schrecklichste Herrschaftsform, die sich um unsere Seelen kümmert." Immer gehe es nur um die Seelen, nie um die Körper, unsere Körper, die keinen Ursprung haben. Wir alle: "kontingente Wesen", die "aus dem Offenen kommen", pures Funktionieren ohne Plan und Sinn.

Ein Blumensträußchen für den Seelenbasher

Schroffer könnten die Gegensätze kaum sein. Aber das tut der geradezu familiären Feierlichkeitsatmosphäre auf der Probebühne der Mülheimer Stadthalle, wo sich an diesem Sonntag, den 14. Juni, um die 50 Gäste zur Ehrenstunde versammelt haben, keinerlei Abbruch. Zwischen Schillerlob und Seelenbashing verleiht die Oberbürgermeisterin René Pollesch in aller Form den Publikumspreis für sein Stück Fantasma. Und für ein paar Foto-Augenblicke steht der Meister mit Urkunde und Blumenstrauß da, fast ein wenig unbeholfen. Er lächelt kurz und verschenkt die Blumen dann schleunigst an eine Dame.

Eigentlich müssten hier mindestens auch Sophie Rois und Martin Wuttke stehen, die Haupt-Performer seines preisgekrönten Stücks, die – nimmt man das, was aus dem Pollesch-Internum stets verlautbart wird, für bare Münze – mit einigem Recht als Co-Autoren seiner Arbeiten gelten dürften. Dass man in "Fantasma" Frank und Jane aus der "Nackten Kanone 2 ½" wiederbegegnet, ist jedenfalls Rois und Wuttke zu verdanken.

Sympathischerweise sitzt Pollesch dann höchstselbst mit am Tisch, wenn seine SchauspielerInnen Inga Busch, Martin Laberenz, Trystan Pütter und Katja Bürkle (Pollesch-erprobt und spontan eingesprungen für Christine Groß) mit der Pollesch-typischen Theorie-Verve die Gedankenhervorbringungsmaschine anwerfen. Eine Durchsprechprobe als Textvorverkostung, Appetitmacher auf die am nächsten Freitag stattfindende Freiluft-Premiere.

Videogrüße aus München

Wie Pollesch bleibt auch Elfriede Jelinek in ihrer per Video übersandten Dankesrede ganz bei sich und ihren schlaufendrehenden Satzstürzen, auch wenn sie ihren Prosablöcken hier anlassgemäß die Danksagung einflicht. Festivalleiter Udo Balzer hatte sie zwecks Urkunden- und Blumenüberreichung eigens in ihrer Münchner Wohnung besucht. Auch das wurde getreulich gefilmt.

Elfriede Jelinek sitzt, mit Bücherregalen im Rücken und gewohnt aufgetürmtem Pony bei dennoch ganz unprätentiöser Erscheinung, vor ihrem Computer. Die 62-Jährige schaut nicht in die Kamera, ihre Augen fliegen über die Zeilen am Flachbildschirm. Ganz ruhig, präzise, unaufgeregt liest sie ihre Dankesrede für Mülheim, ohne Höhen und Tiefen der Stimme, ein Sprachstrom. Gleichsam beiläufig teilt sie dabei auch Spitzen an ihre Kritiker aus. Es ist eine wehrhafte und wortreiche Rede darüber, dass sie einfach nicht schweigen kann – und knüpft also direkt an den Anti-Totschweigebericht Rechnitz (Der Würgeengel) an.

"Ich mache sehr viele, vielleicht zu viele (das wird mir oft vorgeworfen) Worte über etwas, von dem man sich kein Bild machen kann". In ihrem Text sei das "Sprechen wie das Nichtsprechen zu einer einzigen Fläche zusammengeschweißt und dann wieder bis zu meinem, leider recht engen, Horizont auseinandergezogen worden. Wie Strudelteig. Ich bedecke den Horizont mit Sprechen. Ich zerre an den Rändern, wenn der Teig nicht reicht".

Sprechen, bei dem man sich den Mund verbrennt

Immer wieder gleitet die Rede hinüber zur Instanz der "Boten", die die Geschichte, indem sie von ihr berichten, erst hervorbringen. So ist Jelineks unangefochtener Siegertext "Rechnitz", wie nicht zuletzt Münchner Kammerspiele-Intendant Frank Baumbauer in seiner freien Rede über den Entstehungsprozess noch einmal darstellt, von der Inszenierung nur bedingt zu trennen. Jelinek selbst bezeichnet die Regisseure als "Co-AutorInnen", durch deren reibungsvolles Zutun erst "das eigentliche Stück" entstehe.

Die Autorin dankt dem Theater diese Mitarbeit mit einem weiteren Text, den sie nach nochmaligem Besuch der Münchner Inszenierung buchstäblich über Nacht und eigens für diesen Anlass verfasst hat: "An der Zukunft hängen, an der Zukunft dranhängen, etwas an die Zukunft dranhängen und einen Hänger annähen. Frauenarbeit halt". Es ist eine Hommage an Hildegard Schmahl und Katja Bürkle, die beiden Schauspielerinnen in Jossi Wielers Fünfer-Team. Zur Feierstunde schlüpfen sie nun noch einmal in die Rolle der Botinnen und performen eine hinreißend lässige Urlesung.

Gemeinsam, parallel sprechend, sich gegenseitig ins Wort fallend oder sich sprudelnd ergänzen, bringen sie die Jelinek'schen Wortverschwurbelungen hervor und beschreiben dabei, mit den Worten der Autorin, das eigene Tun auf der Bühne, das Werk des Schauspielers, ohne den kein Bühnentext lebendig wird: "wenn diese Frauen das Vergangene seiner Heimlichkeit und Verstohlenheit entkleiden, wie sie sich selbst auf der Bühne entkleiden, reißen sie das, was geschehen ist, aus seiner gemütlichen Heimlichkeit in die Unheimlichkeit". "Das Vorbei hat also den Sprung ins Jetzt gewagt. Ein Vorlaufen ins Vorbei. Ein Sprechen, bei dem man sich den Mund verbrennt."

Hier können Sie den Text von Elfriede Jelinek für Katja Bürkle und Hildegard Schmahl lesen.

 

 

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