Letzte Kommentare

Presserundschau zur Jurydebatte und Preisvergab
ich hab die seite eben erst gefunden, weil ich an der uni
ruhrpod 6 – Hier und Jetzt
Gosch ist tot. Ich dachte hier kommt was. Oder ist die Sei
Presserundschau zur Jurydebatte und Preisvergab
Was soll das, "I thelen"? Das tut nichts zur Sache. Intere
Presserundschau zur Jurydebatte und Preisvergab
liebe sabine. du bist doch gar keine sabine. du bist doch
Presserundschau zur Jurydebatte und Preisvergab
was soll denn daran bedenkenswert sein? dass peymann sagt,
Presserundschau zur Jurydebatte und Preisvergab
Das sind doch bedenkenswerte Argumente von Claus Peymann,
Kommentar zur Jurydebatte um den 34. Mülheimer
Ja, das ist schade, daß Jelinek keine echte Konkurrenz hat
Kommentar zur Jurydebatte um den 34. Mülheimer
mäandern in Jelineks preigekröntem Stück "Rechnitz". Wie a

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. Drucken

Die Internationale Übersetzerwerkstatt des ITI nimmt sich die Stücke '09 vor

Schlaflos mit Jelinek

von Sarah Heppekausen

28. Mai 2009. Wie, bitteschön, lässt sich denn "Arschkarte" übersetzen? Dieses vielsagende Relikt aus Zeiten der Fußball-Übertragung via Schwarz-Weiß-Fernseher, als der Zuschauer nur erkennen konnte, dass der Schiedsrichter die rote Karte zeigt, weil er sie aus der Gesäßtasche und nicht aus der Brusttasche gezogen hat. "Wir haben da was", meint Shinichi Sakayori und ist sichtlich erleichtert. Etwas Vergleichbares: "Wenn jemand in Japan in Kriegszeiten zum Wehrdienst einberufen wurde, bekam er eine Karte zugeschickt. Das war auch großes Pech." Die anderen nicken zustimmend. "Aber das Wort 'Arsch' geht so verloren", gibt Ramon Farrés aus Spanien zu Bedenken. "Etwas geht immer verloren", sagt die Portugiesin Vera San Payo de Lemos. Und wieder nicken alle.

Jenseits der Texttreue

Sie sehen erschöpft aus, die 13 Teilnehmer der internationalen Übersetzerwerkstatt, die seit 1985 alle zwei Jahre parallel zu den Mülheimer Theatertagen stattfindet und vom Internationalen Theaterinstitut (ITI) ausgerichtet wird. Nicht nur die "Arschkarte" stellt sie vor Probleme. Seit drei Tagen brüten sie über Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel), versuchen den wild assoziierenden Textschwall und die zynischen Sprachspiele der zum wiederholten Mal nach Mülheim eingeladenen Autorin ins Lettische, Indonesische oder Französische hinüberzuretten. Auch wenn das erste Gebot in ihrem Metier eigentlich Texttreue heißt, bei der Arbeit an Jelineks Stücken werden die Übersetzer selbst zu Autoren, sind künstlerische Sprachschöpfer statt Dolmetscher ohne eigenen Originalitätsanspruch.

Des Rätsellösers Tränen

Anderthalb Stunden brauchten sie allein für zwei Jelinek-Sätze. Shinichi Sakayori hat die Österreicherin glatt um seinen Schlaf gebracht. Nachts ist ihm eingefallen, wie er mit Hilfe des Alt-Japanischen das Wortspiel "zu früh kommen" übertragen kann. Soledad Lagos machen die vielen Doppeldeutigkeiten richtig wütend. Jelinek gehört ganz und gar nicht zu den Lieblingsautoren der chilenischen Übersetzerin. Diese Einschätzung kann auch eine in ihren Augen brillante Rechnitz-Inszenierung von Jossi Wieler nur wenig abmildern.

Und Jukka-Pekka Pajunen, der 2006 den finnischen Staatspreis für seine Übersetzung von Jelineks "Klavierspielerin" bekommen hat, erzählt, wie er bei seiner zwei Jahre dauernden Übersetzung von "Lust" jeden Abend geweint hat. Keine Frage, Elfriede Jelinek fordert mit ihren kalauernden Satzkaskaden nicht nur Schauspieler und Zuschauer heraus, die Übersetzer provoziert sie zu Höchstleistungen, erweckt in ihnen die poetisierenden Rätsellöser.

Klangwelten hier, platter Sound dort

Hilfreich ist lautes Lesen. Was auch Jossi Wieler und seinem Produktionsteam den "Rechnitz"-Text nähergebracht hat, ist für Theater-Übersetzer der Schlüssel zu jedem Stück. Schließlich sei das Besondere an einem dramatischen Text seine Musikalität, erklärt Pajunen. Alle 13 Übersetzer (ausgewählt aus etwa 50 Bewerbern) haben Theatererfahrungen, das ist eine der Voraussetzungen für die Teilnahme an der Werkstatt. Sie arbeiten selbst als Dramaturgen oder Regisseure oder zumindest eng mit Theatermachern zusammen. Denn: "Eine Übersetzung ist erst fertig, wenn der Schauspieler sie gesprochen hat", so die Russin Alla Rybikowa. Dass der Text gesprochen und gehört wird, denkt der Übersetzer bei der Arbeit immer gleich mit.

Wie bedeutsam der Klang für eine Theaterübersetzung ist, zeigt auch die Arbeit am dritten Stücktext, den die Werkstatt-Teilnehmer nach Roland Schimmelpfennigs weniger herausforderndem Wettbewerbsbeitrag Hier und Jetzt in Angriff genommen haben: Ewald Palmetshofers wohnen. unter glas. Da die Übersetzerwerkstatt nur alle zwei Jahre stattfindet, entscheiden sich die Organisatoren auch schon mal für Autoren, die im vorherigen Jahr eingeladen waren. "Hauptsache, die Texte sind für die Übersetzer interessant", erklären Organisatorin Andrea Zagorski vom ITI und Leiter Heinz Schwarzinger. Lutz Hübners Geisterfahrer und Ulrike Syhas Privatleben gehören aus einem simplen Grund nicht dazu. Schwarzinger: "Die sind sprachlich platt."

Wie geht's mit Palmetshofer?

Am elften Tag des Stücke-Festivals, nach Seminaren, Diskussionen, Inszenierungsbesuchen und Ausflügen zu den Theatern der Region nun also Palmetshofer im Plenum. Nach Jelinek dürfte die Übersetzer doch nichts mehr schocken, meint man. Aber schon in Szene 0 tauchen die ersten Schwierigkeiten auf. Spielt der soziale Aspekt in den Begriff "Mittelstand" mit hinein oder ist vielmehr das Mittelmaß, der Durchschnitt gemeint? Und welches Wort umfasst die beiden Bedeutungen des Verbs "gehen" in "es geht gut" und "es geht voran"? In vielen Sprachen braucht man das Subjekt, das Palmetshofer gern mal weglässt. Aber welches? Die nicht eindeutig definierte Ansprache im Dialog soll schließlich nicht verloren gehen.

Im Japanischen und Indonesischen wird gleich das erste Wort zur kniffligen Angelegenheit: Für "du" gibt es in diesen Sprachen 20 verschiedene Begriffe, unterschieden beispielsweise nach Alter und Geschlecht. Aber dafür funktioniert hier der abrupte Rhythmus durch die unvollendeten Sätze hervorragend. Die japanische Übersetzung klingt wunderbar abgehackt, fast rotzig. Da können die romanischen Sprachen nicht mithalten. Zusammengesetzte Wörter wie im Deutschen gibt es hier nicht, daraus werden schnell mal lange Schleifen. Und so fließt der Text eher, als dass er springt.

Kunstsprachen nach Gesetzen

Es sind vor allem formale Aspekte, die den Übersetzern die Köpfe rauchen lassen, Sprachspiele, Ellipsen, Wortkonstrukte. "Die deutschen Dramatiker müssen immer so schwierig schreiben", formuliert es Mahmoud Hosseinizad aus dem Iran ganz einfach. "Manchmal hat man das Gefühl, die Autoren folgen einer Formel oder bestimmten Gesetzen", meint auch Soledad Lagos. Sofort sehe man die Struktur. Gibt es in der deutschen Dramatik denn tatsächlich eine Tendenz zur formvollendeten Kunstsprache, bei der die Handlung in den Hintergrund gerät?

Alla Rybikowa, die zum siebten Mal an der Werkstatt teilnimmt, hat diese Entwicklung zumindest ebenso beobachtet wie ihre chilenische Kollegin. Und in Ländern wie England oder Finnland, deren Bühnentradition stark dem Realismus verpflichtet ist, klingen die deutschen Stücke ziemlich fremd. Da bleibt es dem Übersetzer überlassen, wie weit er den Text den nationalen Seh- und Hörgewohnheiten anpasst. Es ist eben nicht Jelinek, die der Zuschauer in Finnland oder Indonesien zu hören bekommt, es ist immer das Werk des Übersetzers.


In ruhrpod fünf senden die Werkstatt-Teilnehmer ihre übersetzten Botschaften an Elfriede Jelinek, deren Text wieder einmal ohne seine Autorin nach Mülheim reisen musste.

Mehr zum Thema können Sie auch auf der Seite nachtkritik-spieltriebe3.de lesen: Die Übersetzerin Karen Witthuhn beschreibt, wieviel Glück, Ausdauer, Spürsinn und Begeisterung für die Sache man braucht, um aus einem guten englischen ein ebenso gutes deutsches Stück zu machen.

 

Kommentare (7)

28. Mai 2009, 15:05
Regieassistent: ...
Gut, dass dieser Text noch kam. Jetzt versteht man auch den Ruhrpod Nummer Fünf, der geradezu erhellt wird und nun auch alleine leuchten kann. Am Anfang habe ich mich gewundert, was hier passiert.
28. Mai 2009, 21:05
Brabant: ...
Das macht doch wieder mal Lust, über Sprache nachzudenken! Toller Text! Und ein Grinsen kann man sich auch nicht verkneifen, wenn Syha und Hübner durchfallen. A propos: Wie übersetzt man wohl "durchfallen", ohne die Assoziation zu "Durchfall" preiszugeben ;-)
29. Mai 2009, 17:05
Regieassistent: ...
ih, sie sind aber doof.. über derartige zugänge zur sprache habe ich persönlich keine lust, nachzudenken. das ist eher ein fall für die allgemeine ortskrankenkasse, mein lieber.. ich fürchte, sie sind hier falsch.
29. Mai 2009, 19:05
Regisseur: ...
Hallo Regieassi, die Ortkrankenkasse nimmt gern auch schwere Fälle von zwanghaftem Lehrertum entgegen. Und in Deutsch, glaube ich, müssen Sie noch mal nachsitzen, denn durchfallen und Durchfall habe mehr miteinander zu tun, als ihr Ortskrankenkassengeist es sich vorstellen kann.
Jedenfalls: ich glaube nicht, dass Texte, die sich schwerer übersetzen lassen die besseren sind. oder etwa doch?
29. Mai 2009, 22:05
Shiva: Durchgefallen
Aber Brabants Kommentar zielt doch eher auf die Werke von Hübner und Syha. Das richtet sich doch weniger an die Krankenkasse als an das Auswahlgremium.
30. Mai 2009, 01:05
Regieassistent: ...
herr regisseur, da bin ich ja froh, dass wenigsten sie so ein linguistischer feingeist sind. ich verstehe bloß nicht, warum es immer die fäkalsprache sein muß, die als ausducksverstärker herhalten muss.und man muß die schwächeren auch nicht mit dreck bewerfen. wie sagt man bei uns oberlehrern: positiv verstärken.
30. Mai 2009, 01:05
Johann: Nachfrage
Wieso gilt hier eigentlich als gesichert, dass Hübner und Syha zu den "Schwächeren" zählen? Kommt das durch das Urteil der Übersetzer? Aber bitte! Erich Kästner und Max Frisch oder, um im Metier zu bleiben, Friedrich Dürrenmatt sind ja nun auch nicht höllisch schwer zu übersetzen, oder? Und sind sie deshalb weniger wichtig?

Kommentar schreiben

kleiner | groesser

busy