Blutrünstig!
Donnerstag, 28. Mai 2009
Drei Tage Kindertheater haben uns bereits etwas mürbe gemacht. Und zwar nicht, weil es so uninspirierend wäre. Sondern weil wir nicht ausreichend hart gesotten sind. "Schön gruselig und grausam", so sollen Geschichten sein, sagt Ikarus zu seinem Vater Dädalus. Und wirklich, es wird zugelangt im Kindertheater. In Die Schutzhütte beißt ein Eisbär einem Seemann das Bein ab und präsentiert es dann triumphal blutig mit herausstehendem Knochen. Ein Matrose beißt sich selbst die Zunge ab und zeigt sie schwabbelnd und flutschend dem Publikum. In Wir alle für immer zusammen reimt die (elfjährige!) Protagonistin: "Jungen werden nicht beachtet, die werden einfach abgeschlachtet". Und sie träumt vom zweisamen Selbstmord (ein bisschen wie die finnischen Finster-Rocker HIM): "Wir müssen zusammen sterben!"
Unsere Sitznachbarn im Theaterzelt schreckt das nicht. Offensichtlich durch die Tarantino-Schule gegangen, kommentiert ein Neunjähriger: "Wenn man das Bein abreißt, kommt da eigentlich mehr Blut raus. Das muss doch spritzen!", und als der Schauspieler nach seiner Krücke greift: "Man hat das Knie gesehen, der hat gar keinen Stumpf!" Uns hingegen graust es. Der Schock lähmt uns die Glieder. Dann aber, ganz unvermittelt, kommt er doch noch – der Moment, in dem auch wir unsere Härte beweisen können, in dem wir abgebrüht lächeln. Es ist – "Igitt", "Aaargh", "Uaaahhh" – der nach wie vor größte Eklat im Kindertheater: Ein Kuss auf offener Bühne.
Christian Rakow und Anne Peter, 0:00 Uhr










