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Rechnitz (Der Würgeengel) – Elfriede Jelinek türmt vergiftetes Sprachgeröll über Entsetzlichkeiten

Kein Behagen am Unbehaglichen

von Wolfgang Behrens

Es gibt Themen, für die sind sich die Damen und Herren Autoren der Hochliteratur zu fein. Man überlässt sie lieber den Niederungen des Boulevardjournalismus, den professionell distanzlosen Enthüllern und Zerrednern, den Beckmanns und Kerners dieser Welt – oder den Kollegen von der trivialliterarischen Zunft, denen ja kein Sujet unappetitlich genug ist. Die echten Dichter lassen lieber die Finger von den gar zu heißen Eisen, die besser erst in den schnelllebigen Medien zur Handlichkeit geschmiedet werden; die echten Dichter zielen auf die Ewigkeit.

Nicht so Elfriede Jelinek. Wird in Amstetten der skandalöse Fall eines Mannes aufgedeckt, der über Jahrzehnte hinweg Teile seiner Familie in einem Kellerverlies gefangen hielt und missbrauchte, so stellt sie bereits wenige Tage später einen abgründig verzweifelten Text auf ihre Homepage www.elfriedejelinek.com: "Im Verlassenen". Und zerlegt der Rechtspopulist Jörg Haider mit Höchstgeschwindigkeit sein Auto und sich selbst auf der Bundesstraße, so setzt sie flugs gegen all die postmortalen Gedenkadressen der meinungserzeugenden Zeitungen einen unversöhnlich sarkastischen Nachruf ins weltweite Netz: "Von Ewigkeit zu Ewigkeit". Auch Elfriede Jelinek zielt also auf die Ewigkeit – allerdings um sie ins Herz zu treffen, um sie vom Sockel zu stoßen.

Der Kolportage zuvorgekommen

Als im Oktober 2007 der britische Publizist David R. L. Litchfield in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel über das sogenannte Massaker von Rechnitz veröffentlichte (den die Boulevardpresse in der Folge übrigens begierig aufnahm), da wird wohl mancher Verfasser historischer Kolportageromane im Geiste die Feder schon angespitzt haben – was für ein Stoff!

Eine Gräfin ungarischen Namens, dem Geschlechte derer von Thyssen entstammend, sitzt kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf ihrem mit Kunstschätzen angefüllten Schloss im österreichischen Burgenland. Anstatt frühzeitig vor der sich nahenden russischen Armee zu fliehen, harrt sie aus und veranstaltet mit den örtlichen Nazi-Größen ein Gefolgschaftsfest. Zur Unterhaltung der Gäste lässt man sich in der Nacht etwa 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter kommen, um sie zu erschießen. Einige Tage später geht das Schloss in Flammen auf – ob von Hand der Russen oder abziehender deutscher Wehrmachtssoldaten, bleibt unklar.

Die ideale Spielverderberin

Elfriede Jelinek ist nun all jenen zuvorgekommen, die von einem finsteren Bestseller im Adelsmilieu träumten, von einem Roman voller bedingungsloser Treue und abscheulich-schöner Gräuel. Mit einem hundert engbedruckte Seiten umfassenden Textteppich, der zumindest nominell fürs Theater gedacht ist, erweist sich die Jelinek wieder einmal als ideale Spielverderberin: Nicht nur, weil sie den Trivialautoren ein mögliches Sujet entwindet; nicht nur, weil sie den Schauspielern erneut keine klaren Rollen bietet, sondern die schier endlose Suada von gänzlich unspezifizierten Botinnen und Boten vortragen lässt; nein – die Nobelpreisträgerin verdirbt auch den Zuschauern und Lesern das beliebte Spiel der Identifikation.

Denn systematisch hebelt die Autorin in "Rechnitz (Der Würgeengel)" die Einfühlung aus, die doch das Movens so vielen Schreibens, Sprechens und Zeigens ist. Noch eine Schlagzeile wie "So grausam mordete die Gräfin ihre Opfer" appelliert ja an das schaurig-wohlige Gefühl des Eintauchens in eine andere Existenz, und selbst ein Roman wie Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" lädt den Leser durchaus lockend ein, sich in die Perspektive des Täters hineinzuversetzen und sich dem angenehmen Prickeln des Bösen zu überlassen.

Aufgetürmter Sprachschutt

Nichts von alledem findet sich bei Elfriede Jelinek. Ihr Text geht auf Distanz, indem er sich nicht um Psychologie bekümmert und erst recht nicht um die Chronologie der Ereignisse, sondern indem er hochgradig vergifteten Sprachschutt zusammenklaubt und aufeinandertürmt.

In all dem aufgelesenen und pointiert verfremdeten Geröll finden sich nicht nur flott formulierte Rechtfertigungsstrategien, versprengter Medienjargon, leere Alltagsfloskeln und triviales, sich selbst fortzeugendes Geplapper, sondern ständig schwimmen auch gleichsam kontaminierte Zitate aus Schubert-Liedern oder T.S. Eliot-Gedichten, von Euripides oder Rilke mit ("Dieses Haus da fällt, diese Hand da fällt […], den Männern ist jetzt alles wurscht, die sind schon gefallen, die sind nichts Besondres, es ist in allen"). So entsteht ein sprachlicher Schotterberg, ein fratzenhaftes Antlitz, das nicht zur Identifikation einlädt – nicht zum Mitleid mit den Opfern, nicht zur Einfühlung in die Täter.

Dieser Berg erhebt sein hässliches Haupt, um zu spotten und zu höhnen, und er untergräbt sich selbst, da sein Material, das Sprachgeröll, immer wieder ins Rutschen gerät – es ist das haltlose Gerede, das da rutscht. "Scheiß drauf", sagt der Berg etwa über die ermordeten Juden, "diese Männer kriegen schon mal gar nichts von uns, die haben keinen Anspruch auf Leben angemeldet, sie haben ihren Anspruch auf Leben nicht rechtzeitig angemeldet, die sind nicht bezugsberechtigt, aber sie sind auch nicht wegzugsberechtigt, nur unsere Zweige, Äste, Wurfgeschosse und Allgemeingeschosse, die können sie haben."

Auf dem trüben Grund des Unfassbaren

In Elfriede Jelineks Text (und nicht nur in diesem) haben die Kalauer das Regiment übernommen. "Verzeih den Kalauer; ich bin eigentlich gegen Kalauer, die sind so mehr für Handlungsreisende", sagt der alte Dubslav in Fontanes "Stechlin". Er kann das sagen, weil er in seiner kleinen, behaglichen, halbwegs ordentlichen Welt lebt, in der die Ratio ihren festen Platz hat. Die Kalauer aber – Feind jeder Ratio – sind mit ihren unvorhersehbaren und unsinnigen Volten der adäquate Ausdruck des Unbehagens. Und weil Elfriede Jelinek in einer unordentlichen, unbehaglichen Welt lebt, in der es Ereignisse wie das Massaker von Rechnitz gab, lässt sie ihre bösen Kalauer den trüben Grund des Unfassbaren pflügen.

Wie eine Handlungsreisende geht sie mit den entsetzlichsten Themen hausieren – doch nicht um billige kathartische Wirkungen feilzubieten. Im Gegenteil: sie haut uns ein Stück wie "Rechnitz" um die Ohren, um dem Behagen am Unbehaglichen entgegenzutreten. Und um dem Boulevardjournalismus nicht kampflos den Sieg zu überlassen.

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Kommentare (2)

22. Mai 2009, 01:05
Thomas: Würgeengel Jelinek
"Heute ein weiterer gewichtiger Kandidat um den Mülheimer Dramatikerpreis ins Rennen" - Nein! Das war die erste gewichtige Kandidatin. Frau Jelinek ergreift Sprache als brillanter Würgeengel und läßt sie nicht los, dekliniert sie, bis sie tot am Boden liegt. Auch bei diesem Text verliert die Floskel die Unschuld. Mag der Abend sein taube Stellen haben: 4,5 schauspielerische Schwergewichte, u.a. eine universal-sparsame, hinreissend-treffsichere Hildegard Schmahl - ein echter Raum, keine Deko, das Wissen, dass Theater/Kusnt ein Rätsel braucht, und die große Leistung, zwar ständig an der Rampe zu sein, aber "in" Situation, nicht das blöde "Schauspieler-Kollaborateur mit Publikum denunziert Rolle als Da-steh-ich-drüber" - für Fr. Jelinek muss ich danken, wo ich die fahle Rätsellosigkeit und den Selbsthass aufs Einfallslose des Hr. Pollesch abstoßend finde.
23. Mai 2009, 01:05
Claudia: Würgeengel Rechnitz
Viel Kostümwechsel, viel weggeworfenes Essen , etliches nackte Fleisch völlig überflüssig. Monologisierende Schauspieler; ein perfekt ausgefeiltes Bühnenbild, zur Materialschlacht passend. Zum Einschlafen langweilig, uninspiriert, kein bisschen berührend. Die Sprachakrobatik wirkt selbstverliebt und ist dem Thema weder angemessen noch dienlich.
Im Unterschied zu Thomas halte ich diese Präsentation für eine Zumutung, hingegen Polleschs Stück samt Inszenierung für einen großen Wurf.

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