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Für Katja Bürkle und Hildegard Schmahl anlässlich der Feierstunde für die Mülheimer Preisträger am 14. Juni 2009

An der Zukunft hängen, an der Zukunft dranhängen, etwas an die Zukunft dranhängen und einen Hänger annähen. Frauenarbeit halt.

von Elfriede Jelinek

Hier sprechen zwei Botinnen über etwas, über das nicht einmal ich Idiotin hätte sprechen dürfen. Vielleicht weil ich blöd bin und diese Botinnen mehr wissen? Ich hätte die Sprech-Erlaubnis eigentlich gar nicht haben dürfen, so habe ich sie mir eben selber gegeben. Ich höre oft, daß ich aus der Gewißheit heraus, daß etwas, in diesem Fall (wie in jedem Fall) Geschichte, vorbei sei, aus meiner eigenen heutigen Sicherheit heraus nicht zu urteilen hätte. Das Dilemma besteht darin, daß man nicht dort sein kann, von wo die Boten kommen. Man maßt sich etwas an, wenn man ihnen einen Text vom Kommen, also vom Zukünftigen, in den Mund legt, aber aus dem heraus, was war. Spucken Sie sofort aus, was Sie da im Mund haben! Das kommt erst noch! Wieso haben Sie es jetzt schon? Das Zukünftige, das einmal das Jetzt war, das es jetzt aber nicht mehr ist, liegt den Botinnen jeden Moment auf der Zunge. Ich habe es selber dorthin getan. Man urteilt, man verurteilt. Das darf man nicht, das darf angeblich alles nicht sein, denn man hat es nicht gesehen, man war nicht dabei. Meine Botinnen sind eine Art Filter, durch den ich mir das Sprechen zu erlauben versuche (was ist das schon für ein Wagnis, sich selbst etwas zu erlauben! Erlauben Sie mal! Das heißt, daß man etwas nicht darf und nicht soll, daß man sich etwas herausgenommen und nicht mehr zurückgegeben hat). Das, was man sich herausgenommen hat, war also eine Unverschämtheit gegen jemand, der es ursprünglich hatte, ein Diebstahl, ein Sich-Vordrängen vielleicht. Mache ich das: mich vordrängen? Man sagt es oft von mir, und ich hätte angeblich nicht die Berechtigung, von wem oder was auch immer zu sprechen, ich habe keinen Schein vorzuweisen, wenn ich Schein erzeuge (etwas, das zurückstrahlt, aber vorbei ist, also: indirekte Beleuchtung, ein Abstrahlen, kein Strahlen), da ich nicht selber auf der Bühne auftreten kann und mich als Sprechen und im Sprechen vertreten lassen muß, aber ich habe auch sonst keine Erlaubnis, von keinem Höherstehenden. Was soll ich machen, ich sehe keinen dort oben über mir. Ich darf mich beim Sprechen also nicht einfach vertreten lassen. Das wäre zu einfach. Es ist immer eine Anmaßung. Wie komme ich überhaupt dazu? Das sind alles Überschreitungen, und sie stehen mir nicht zu, aber sie stehen nun mal hier. Was soll ich machen? Ich habe einmal eine feministische Zeitschrift mit herausgegeben. Sie hieß „Die schwarze Botin“. Es gibt sie längst nicht mehr. Ich erinnere mich heute nicht mehr, warum die Botin schwarz gewesen sein soll, das hatte doch sicher einen Grund.

Wenn Frauen sprechen, dann ist es entweder Tratsch und Klatsch, das behauptet man von ihnen, die es ja eigentlich nur als schöne Bilder ihrer selbst geben darf, die nicht sprechen, die man anschaut, von denen man spricht, die aber nicht selber sprechen. Sonst wird das schnell Gekeife. Eine schwarze Botin ist streng mit dem, was sie zu sagen hat. Sie ist vielleicht unnachsichtig, wie meine beiden Botinnen, die als Botinnen ihrer selbst, aber auch andrer (wenn auch nicht aller andren, obwohl ich mir das manchmal anmaße), hier anwesend sind. Sie haben auch keine Wahl, weil ich, eine Frau, ihnen keine gelassen habe. Sie müssen sagen, was sie zu sagen haben. Es ziehen sich alle Boten auf der Bühne aus, auf verschiedene Weise, wir sehen Männer und Frauen in Unterwäsche und im Unterkleid, doch diese Wäsche ist nicht unisex, sie ist das Gegenteil. Da ist ein Mann, der trägt ja ein Unterkleid! Na sowas! Das gehört doch eigentlich einer Botin, oder? Man weiß es nicht, aber man weiß, dieses Unterkleid gehört nicht zum Mann. Es gehört sich nicht, daß er das trägt.

Botinnen berichten über ein Vorbeisein, über Vergangenes (Kassandra berichtet über Zukünftiges, was aber auch nicht gern gesehen wird, die Seherin sollte selbst nicht gesehen werden, und es ist peinlich, was sie sagt, das Zukünftige, vor allem, wenn es eintrifft und ein Zutreffendes wird, kommt ohnedies, auch ohne daß ein Weib vorher darüber irgendwas phantasiert und faselt), die Botinnen haben nichts als ihre Körper, die sie zeigen. Sie haben mehr Körper als die Männer, weil sie mehr Körper SIND. Sie sind zu mehreren, aber die halbnackten Frauenkörper sind mehr sie selbst als die Männerkörper. Natürlich ist das weibliche ein andres Sich-Zeigen als das der Männer. Meine Botinnen sind schöne Frauen. Eine ist älter, die andre wird unter lautem Klicken fotografiert, wenn sie ihren wunderschönen jungen Körper zeigt und dabei manchmal auch noch die Beine spreizt. Aber sie hat ein Darüberhinaus: Sie spricht. Beide Botinnen sprechen, aber schon dieses Sprechen ist unterschiedlich. Die ältere Frau hat die Rolle des Sprechens ohnehin sicher, diese Rolle hat sie in der Tasche, das Sprechen wird ihr zugeschrieben und zugestanden, es hört ihr eh keiner zu. Die junge Frau brauchte nicht zu sprechen, und wenn sie es doch tut, ist es mehr ein Darüberhinaus, keine Überschreitung, aber ein Drüberhinausgehen, weil sie ja gar nicht sprechen, sondern einfach nur jung und schön sein müßte. Jung und schön, das muß einfach sein. Nein, einfach ist es nicht, aber es muß trotzdem sein. So sicher wie die Zeit vergeht, muß die Frau jung und schön sein. So. Die beiden Frauen laufen jetzt, nein, nicht jetzt, aber als das Jetzt ein Jetzt war, gemeinsam am Vorbei vorbei und nehmen Anlauf, um gegen ihre eigenen Möglichkeiten anzutreten, als würden sie einen Fußball antreten (aber was zählt schon Frauenfußball! Wenig!), gegen Möglichkeiten, die ihnen, als Frauen, in großer Enge vorgeschrieben und zugeschrieben worden sind, sie laufen auf mein Feld, das aber auch ein imaginäres ist, da ich ja, wie gesagt, nicht berechtigt bin, über Vergangenes, das ich nicht erlebt habe und daher nicht beurteilen darf, zu berichten; sie laufen an, sie treten an, die beiden Botinnen, die Sie hier sehen, stellvertretend für mich, aber was solls, Frau ist Frau, eine ist wie die andre, kennen Sie eine, kennen Sie alle (das würde Ihnen so passen! So hätten Sies wohl gern!), und wenn diese Frauen das Vergangene seiner Heimlichkeit und Verstohlenheit entkleiden, wie sie sich selbst auf der Bühne entkleiden, reißen sie das, was geschehen ist, aus seiner gemütlichen Heimlichkeit in die Unheimlichkeit. Sie zeigen sich, sie zeigen sich vor, was sie, als Frauen, ja auch tun sollen, vielleicht ist es ihre einzige, ihre eigentliche Möglichkeit in der Öffentlichkeit: sich zu zeigen. Aber sie legen dabei doch, selbstherrlich und angemaßt, wie auch ich mir meine Texte anmaße, den Boden des Seins, auch die kleinen Stücke, auf denen sie selber stehen, aus. Das Sein als Auslegware. Und, wie Katzen auf einem heißen Blechdach, müssen sie den eigenen heißen Bodenfliesen, die sie da ausgelegt haben (damit sie ein andrer für sie auslegt?), ständig ausweichen, um sich nicht die Hände, die Füße, nein, eigentlich: den Mund zu verbrennen. Das ist es vielleicht! Meine Botinnen verbrennen sich dauernd den Mund. Schwarze Botinnen mit verbrannten Mündern. Und schon bricht das ganze Gerede zusammen, das man dauernd und überall hören kann. Und im Vorauslaufen sind sie jetzt wieder zurückgekommen. Sie halten den Mund, den sie sich verbrannt haben. Sie haben die Zeit etwas abgenützt, die sie hatten, aber der sieht man es nicht an. Sie ist jetzt das Jetzt und derzeit, genau: schon Zukunft, die aber wiederum jetzt stattfindet. Und das, was jeweils jetzt ist, hat auch nicht alle Zeit der Welt, das Vorbei ist dem gewiß, was ist, aber es hat für den Augenblick, den die Frauen gesprochen haben, die vielen aneinandergereihten Augenblicke, in denen sie aufs Feld gelaufen und angetreten sind – und angetreten auch haben, denn sie sind jetzt schließlich am Ball! – , das Vorbei hat also den Sprung ins Jetzt gewagt. Ein Vorlaufen ins Vorbei. Ein Sprechen, bei dem man sich den Mund verbrennt.  Und der Boden ist ihnen wohl auch zu heiß geworden. Die haben immer noch nicht genug, diese Frauen. Also weiter im Text!

 

 

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